Essay: In der Stille liegt die Kraft

Während ich in den vergangenen Tagen diese Abhandlung schrieb, fragte ich mich immer wieder, ob ich vielleicht besonders empfindlich gegen Lärm sei. Es bedurfte dieses Essay, um mich mit der Thematik Lärm und Stille überhaupt auseinanderzusetzen und damit meiner eigenen Lärmempfindlichkeit erst richtig bewusst zu werden.

Von allein wäre ich gar nicht auf das Thema gekommen, ˶Schuld“ daran ist mein Nachbar, der direkt nach den Schulferien- in der ersten Schulwoche- wieder pünktlich um 17 Uhr anfing, mit einer Motorsäge- lautstark- Holz für seinen Kaminofen zuzuschneiden. Ich kannte diesen Höllenlärm- sechs Meter entfernt von meinem Zimmerfenster- hatte aber in den Ferien an der Nordsee dieses nervende Geräusch mehrerer Wochen nicht mehr aushalten müssen und somit fast vergessen. Mein Essay-Thema war entstanden. Am Anfang befürchtete ich, es würde mir zu wenig einfallen- aber es kam ganz anders.

Bei meiner Recherche erfuhr ich, dass Lärm als die zweit größte Umweltplage gilt- an erster Stelle wird die Luftverschmutzung genannt. 60 Prozent aller Deutschen geben in den Umfragen an, unter Lärm zu leiden: unter Straßenverkehr, Schienenverkehr, Fluglärm, Baustellenlärm, Freizeitlärm und Lärm der Schulen und Kindergärten. In einer von Medien und Motoren beherrschten Welt ist Lärm allgegenwärtig geworden; es braucht schon viele Anstrengungen, sich dem Lärm zu entziehen. Selbst Musik gerät zur akustischen Umweltverschmutzung. In Supermärkten oder in den Boutiquen der Fußgängerzonen -beim Shoppen- werden wir mittels hypnotischer Klänge zu noch mehr Konsum animiert. Und mein „dynamischer Nachbar“? Neben seinem Holzsägen dreht er sonntagmorgens die Disko-Musik seiner Anlage so laut auf, damit auch alle mithören können.

Am Tag und auch in der Nacht sind wir den verschiedensten Geräuschen ausgesetzt. Unsere Ohren können wir nicht schließen. Die Hörzellen im Inneren unserer Ohren empfangen die Schallwellen jedes Tons, wandeln sie zu elektrischen Signalen um und schicken sie ins Gehirn. Diese Signale werden vom Gehirn bewertet, dh,. sie bekommen einen Stempel: entweder empfinden wir das Gehörte als angenehm, dann bezeichnen wir es als gutes Geräusch oder wir empfinden ein Geräusch als unangenehm, dann bezeichnen wir es als Lärm. Unsere Ohren selbst kennen keinen Lärm, sondern nur den Schall. Ob wir ein Geräusch als Lärm empfinden, ist also sehr subjektiv. Demnach scheint Lärm kein akustisches Problem zu sein, sondern ein Frage der Einstellung. So ärgern sich zum Beispiel manche Menschen über laute Musik und empfinden sie als Lärm, andere Menschen stören sich nicht daran und wieder andere finden sie schön. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Lautstärke, die Art des Geräusches, die jeweilige Situation und die persönliche Bewertung.

Je stärker ein Geräusch ist, desto mehr Menschen empfinden es als unangenehm und somit als Lärm. Die Lautstärke, die Stärke des Schalls, kann man messen. Als normal empfinden die meisten Menschen einen Schalldruckpegel von 40-60 Dezibel, laut wird es für die meisten ab 75/80 Dezibel, über 85 Dezibel kann das Gehör geschädigt werden. Lärm über 120 Dezibel kann das Gehör dauerhaft schädigen. Hier liegt auch die sogenannte Schmerzgrenze unserer Ohren. Je höher die Lautstärke ist, desto höher ist der Druck der Schallwellen, die in unsere Ohren eindringen. Die Haarzellen im Innenohr werde dadurch so stark gepresst, dass sie abbrechen und schließlich absterben. Bei den Hörnerven kommen dann keine Signale mehr an. Der Krach kann uns schwerhörig oder sogar taub machen.

Einige Geräuschpegel, die  tagtäglich an unser Ohr dringen, möchte ich kurz anführen:

  • Tropfender Wasserhahn: 20  dB
  • Menschliche Stimme: 50-60 dB
  • Staubsauger : 70 dB
  • PKW in der Stadt: 80 dB
  • Laute Disco: 110 dB
  • Flugzeug startend: 110-140 dB
  • Gewehrschuss in Mündungsnähe: 160 dB

Nicht umsonst gibt es berufliche Vorschriften, wie zum Beispiel Lärmschutzmaßnahmen am Arbeitsplatz, da Lärm zu den häufigsten Gefährdungen am Arbeitsplatz zählt. Fünf Millionen Arbeitnehmer sind davon in Deutschland betroffen. Aber auch privat sollten wir uns schützen, auch dann, wenn zum Beispiel laute Musik mit Spaß verbunden ist.  Es spricht nichts gegen ein Discobesuch oder einem Rockkonzert. Wir sollten aber nicht vergessen, dass unsere Ohren nicht selten unter Dauerstress leiden. Häufig kommt es vor, dass nach einem Konzert die Ohren pfeifen, wir hören schlechter, umso wichtiger ist eine Auszeit für unsere Ohren, eine Ruhepause.

Auch wenn wir glauben, uns an Lärm gewöhnt zu haben, reagiert unser Körper. Dies kann über einen längeren Zeitraum zu Krankheiten wie Bluthochdruck, Herzkreislauferkrankungen, Allergien oder Tinnitus führen. Wer Lärm ausgeliefert ist, wird oft aggressiv. Lärm vergiftet auch das soziale Klima und reizt manche Menschen bis zur Weißglut. Andere leiden stumm oder flüchten in den Konsum von Drogen.

Technische Verbesserungen werden wohl an diesen Zuständen nicht viel ändern. Ein Bewusstseinswandel ist notwendig. Wir brauchen mehr Stille. Dabei ist Stille nicht einfach nur Abwesenheit von Lärm, so wie Frieden nicht einfach nur das Schweigen der Waffen ist. Stille ist Voraussetzung und Bestandteil menschlicher Kultur. In einem zivilisierten Zusammenleben sind Ruhe und Stille tragende Elemente. Ohne sie verlernen wir das Zuhören, ohne sie leidet unsere Wahrnehmung, ohne sie wird das Denken zur Qual, ohne sie können wir keine neue Kraft schöpfen. Wenn Arbeiten und Schlafen nur noch mit Wachs oder Schaumstoff in den Ohren möglich sind, hat der Mensch ein unersetzbares Stück Lebensqualität eingebüßt.

Lärm sollten wir genauso bekämpfen wie den Klimawandel: „Sundays for Silence“.

 

VON HANNAH WEBER

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