Warum gibt es Verschwörungstheorien?

Das Internet, unendliche Weiten. Hier findet jeder, was er sucht. Ob Kochrezepte, die neuesten Filme oder Nachrichten. Heutzutage sind 3,5 Milliarden Menschen im Internet, bis 2021 sollen es schon 4,1 Milliarden sein. Und jeder von ihnen kann mit dem Internet tun und lassen, was er will. Ob man nur konsumiert oder eigene Inhalte erstellt, bleibt jedem selbst überlassen, solange man sich im Rahmen der Gesetzgebung bewegt. Doch das verursacht auch Probleme. So zum Beispiel kommen in den letzten Jahren Verschwörungstheorien in Mode. Doch wie kann das in einer Welt wie der unseren, in der das Wort von Wissenschaftlern mehr zählt als alles andere, dazu kommen?

Verschwörungstheorien gibt es schon seit der Antike. Auch im Mittelalter gab es sie, wie zum Beispiel die Hexenverfolgungen zeigen, bei denen in Folge der Pest massenhaft Menschen, vor allem Frauen gefoltert und getötet wurden, um diese Epidemie einzudämmen, da sie vermeintlich die Brunnen vergiftet hätten. Auch in späteren Zeiten waren Krisen immer fruchtbarer Boden für Verschwörungstheorien. Das gilt auch für die Dolchstoßlegende. Im Zuge dieser wurde in Deutschland nach dem verlorenen 1.Weltkrieg die Schuld für die Niederlage nicht beim Militär, sondern in der Politik gesucht. Auch die Flat Earth Theorie, die besagt, dass die Erde kein Globus, sondern flach ist, kann man im weitesten Sinne als Krisenerscheinung sehen. Sie versucht, durch das Anzweifeln der Kugelgestalt der Erde, also auch des Weltraums, den Glauben an Gott und die Stellung des Menschen als Krone der Schöpfung zu legitimieren, da man so nicht ein kleiner, unbedeutender Punkt in einer riesigen, unendlichen Galaxie ist.

Verschwörungstheorien versuchen, komplexe Sachverhalte einfach zu erklären. Dadurch können sie von jedem verstanden werden. So finden sie besonders in ungebildeten Schichten Anklang. Aber  auch gebildete Menschen, meist über 40, werden zu Anhängern von Verschwörungstheorien. Diese Menschen können meist nicht gut mit dem Internet umgehen und fallen so auf falsche Fakten und Verschwörungstheorien herein. Diese Menschen können oft nicht zwischen seriöser und unseriöser Quelle unterscheiden, da sie nicht mit dem Internet aufgewachsen sind. Sie kennen eine Zeit, in der die einzigen Mittel zur Wissensaneignung Rundfunk, Fernsehen und Zeitungen waren. Diese Medien verfügen über Redaktionen und werden vom Staat kontrolliert, dass sie nichts Falsches verbreiten. Dadurch enthalten sie meistens nur seriöse Quellen. Außerdem wird dem Leser, Zuhörer, Zuschauer geholfen, eine eigene Meinung zu bilden. Dies geschieht zum Beispiel in einer Zeitung meist durch einen neutralen Artikel, der durch einen Pro- und einen Kontrakommentar eingeordnet wird. Im Internet sind so manche Menschen überfordert, da sie widersprüchliche oder unwahre Quellen finden, was zu einer gewissen Leichtgläubigkeit führt.  Das erklärt zum Beispiel, dass  viele besorgte Eltern gegen Impfungen demonstrieren, da sie denken, dass die Impfungen ihren Kindern schaden. Sie hinterfragen ihre Quellen nicht.

Ein weiterer Grund für die Popularität von Verschwörungstheorien und die Uneinsichtigkeit ihrer Anhänger ist der Dunning-Kruger-Effekt. Dieser stellt einen Zusammenhang zwischen dem erlernten Wissen zu einem Sachverhalt und der Selbstsicherheit, dieses zu vertreten und gegebenenfalls zu verteidigen, auf. Die Selbstsicherheit steigt nicht, wie man zuerst vermuten würde, mit dem Wissen immer mehr an. Vielmehr ist es so, dass die Selbstsicherheit bei relativ geringem Wissen rapide ansteigt. Man hat zu diesem Zeitpunkt noch nicht genug über einen Themenkomplex gelernt, um zu erfassen, wie kompliziert dieser ist. Dieser Anstieg, auf dem sich auch die meisten Verschwörungstheoretiker befinden, wird auch Mount Stupid genannt. Nach Mount Stupid fällt die Selbstsicherheit erst einmal wieder, da man mit mehr Wissen die Komplexität eines Themas erst erkennt. Danach steigt die Selbstsicherheit wieder, wird aber nie wieder so hoch wie auf dem Mount Stupid. Das heißt: Die Dümmsten werden die Lautesten sein, da sie sich für die Schlausten halten.

Dazu kommen noch kleinere Ursachen wie ein Nichteingestehen des Todes eines Idols. So wird immer wieder der Tod von Elvis Presley, Tupac Shakur oder Adolf Hitler angezweifelt. Von Fans oder Bewunderern wird der Tod ihrer Idole nicht hingenommen. Eine so herausragende Persönlichkeit kann und darf nicht einfach so sterben. Auch hofft man, dass, wenn sich die eigene Theorie als wahr herausstellen sollte und das Idol noch lebt, man als „wahrer“ Fan gilt.

Mittlerweile gibt es unzählige Verschwörungstheorien. So haben laut verschiedenen Quellen die Mondflüge nie stattgefunden, Aliens leben beziehungsweise lebten wahlweise auf dem Mond, auf dem Mars oder auf der Erde, Echsenmenschen kontrollieren die Welt, Juden kontrollieren die Welt, die Mafia kontrolliert aus einer New Yorker Pizzeria mithilfe von Hillary Clinton die Welt, das Dritte Reich konnte sich in die Antarktis und von da auf den Mond retten oder die Bundesrepublik Deutschland existiert gar nicht und ist in Wirklichkeit eine GmbH. Abgesehen davon gibt es auch wahrscheinlichere Theorien, wie zum Beispiel dass die letzten Wahlen in den USA und Großbritannien von Hackern manipuliert wurden.

Aber es entpuppten sich manche Verschwörungstheorien schon als die Wahrheit. So hielt man bis vor 6 Jahren jeden für einen paranoiden Nerd, der seine Laptopkamera bei Nichtbenutzung zugeklebt hat. Man dachte, dass niemand, noch nicht einmal die Geheimdienste der Länder unerkannt, so tief in die Privatsphäre eindringen konnten. Edward Snowden belehrte uns eines Besseren. Auch mit dem Sturz der demokratisch gewählten Mossadegh-Regierung durch das Militär im Iran 1953 wurden lange ausländische Geheimdienste verdächtigt. Erst 2013 wurden offizielle Dokumente zugänglich, die die CIA (Geheimdienst USA) und das MI6 (Geheimdienst Großbritannien) für den Putsch verantwortlich machen.

Dies ist auch eines der größten Probleme von Verschwörungstheorien. Sie diskreditieren die Wahrheit und lassen uns an ihr zweifeln, aber hin und wieder steckt ein Körnchen Wahrheit in ihnen. Außerdem unterstützt das Internet, dass man nur die Informationen bekommt, nach denen man sucht. Dadurch bleibt man in seiner Filterblase und kommt nicht mit anderen Meinungen in Berührung. So kann man nicht über seine Falschinformation aufgeklärt werden. Auch die allgemeine Struktur des Internets in Deutschland begünstigt die Verbreitung von Verschwörungstheorien. In Deutschland gehört das Internet, anders wie zum Beispiel in den USA, zur Grundversorgung jedes Bürgers. So kommen auch die armen Deutschen, welche meistens die Ungebildeteren sind, mit Verschwörungstheorien in Kontakt. Deren Inhalt können diese Menschen aufgrund ihres geringen Bildungsstands schlechter einordnen und fallen so leichter auf ihn herein. Verschwörungstheorien suchen in Ereignissen oder Phänomenen, wie zum Beispiel den Chemtrails (die Kondensstreifen der Flugzeuge sollen Chemikalien enthalten, damit die Regierung Ernten zerstören und die Bevölkerung dumm halten kann), einen Sinn ohne den Sinn der eigenen Erkenntnis zu hinterfragen.

Die AfD ist seit 2017 im deutschen Bundestag. Durch sie sind Verschwörungstheorien bis in das höchste deutsche Parlament vorgedrungen. Die AfD vertritt die Ansicht, dass der Klimawandel nicht menschengemacht ist. Laut der Partei sei der Mensch als Verursacher nur eine von mehreren möglichen Erklärungen. In der Fachwelt zweifelt kaum noch jemand an, dass der Klimawandel wie wir ihn heute kennen weit über ein natürliches Maß hinausgeht. Die Fakten lassen objektiv gar keinen anderen Schluss zu. Trotzdem wettert die AfD munter gegen jede Initiative, das Klima zu schützen. Wobei die aktuellen Maßnahmen zum Klimaschutz wie Dieselfahrverbote durchaus fragwürdig sind. Aber die AfD beschränkt sich auf das sture dagegen-sein, anstelle von konstruktiver Kritik.

An dem Beispiel der Internetseite Wahrheiten.org lässt sich gut erkennen, wie Verschwörungstheorien verbreitet werden. Zuerst einmal lässt sich sagen, dass es von sehr großem Selbstbewusstsein zeugt, eine Internetseite Wahrheiten.org zu nennen. Man beansprucht also das Privileg, dass alles auf seiner Seite wahr ist. Passend dazu steht direkt auf der Startseite: „Nichts glauben – selbst prüfen“. Die Ironie dahinter muss man keinem erklären.  Aufgeteilt ist die Seite in verschiedene Verschwörungstheorien. Hier wird die Evolutionstheorie angezweifelt, indem sie mit einer Schubkarre voll Steine verglichen wird, dort wird das Wirtschaftssystem nicht verstanden und den Banken unterstellt, sie könnten Geld aus dem Nichts drucken. Daneben gibt es natürlich auch Klassiker wie krude Theorien zu den Anschlägen am 11.September oder das Anzweifeln des Klimawandels. Hierbei wird pauschalisiert und gelogen. So wird zum Beispiel CO2 als einziges klimaschädliches Gas genannt, wobei längst erwiesen ist, dass auch andere Gase dem Klima schaden. Auch wird die Klimaunschädlichkeit des CO2 durch seine geringe Konzentration in der Luft begründet. Das ist auch wissenschaftlich widerlegt. Die Quantität eines Stoffes sagt noch nichts über seinen qualitatives Schadenpotenzial.

Um nicht gegen die Gesetze zu  verstoßen, benutzt die Seite ausschließlich Fremdcontent, der auf der Seite verlinkt und in die Texte eingearbeitet ist. Dadurch kann der Betreiber der Internetseite nicht für etwaige Verstöße gegen deutsches Recht belangt werden. Der eigene Content der Seite besteht fast ausschließlich aus kurzen Einleitungsworten zu jedem Thema und vielen Suggestivfragen, auch geschlossene Fragen genannt. In einer solchen Frage wird schon eine naheliegende Antwort mitgeteilt, zum Beispiel: „Ist CO2 gar nicht für die Klimaerwärmung verantwortlich?“ Außerdem werden häufig Wörter in Anführungszeichen gesetzt. Die Überschriften der verschiedenen Themenkomplexe lauten zum Beispiel „Die Klima-Lüge“. Das alles soll Misstrauen gegen die offiziellen Quellen schüren und unterbewusst dem Leser eine „eigene“ Meinung eintrichtern. Verschwörungstheoretiker sind nicht blöd, wenn sie dem Gesetz aus dem Weg gehen und geschickt ihre eigene Meinung als die einzig wahre verkaufen wollen.

Durch die aktuell heiß diskutierte EU-Copyright-Reform, bei der besonders Artikel 13 in der Kritik steht, da er die Betreiber der Internetseiten für die dort hochgeladenen Inhalte haftbar macht, würden es Seiten wie Wahrheiten.org bedeutend schwerer haben, ihre Verschwörungstheorien zu verbreiten. Doch wie unterscheidet man nach dieser Reform, ob ein Beitrag einfach abwegig und falsch ist, oder nur möglich ist, oder gerade einen großen Skandal aufdeckt. Hier ist die Angst vor Zensur durchaus begründet. Auch eine gestiegene Medienkompetenz, besonders von älteren Leuten, könnte Verschwörungstheorien den Nährboden entziehen. So würden weniger Menschen auf die einfachen Maschen der Verschwörungstheoretiker hereinfallen. Eine deutsche Bundeskanzlerin, die im Jahr 2013 in Bezug auf das Internet von Neuland spricht, sagt alles über den Willen, die gesamte deutsche Bevölkerung mit dem Internet vertraut zu machen. Auch ein kritischer und differenzierter Journalismus hilft gegen Verschwörungstheorien. Aber wie man schon in der Flüchtlingskrise 2015 sehen konnte, als die gesamte deutsche Presse das Bild der Willkommenskultur in Deutschland gezeigt hat und nicht die sich für manche Bevölkerungsschichten real anfühlenden Sorgen und Ängste abgebaut hat, bietet der deutsche Journalismus häufig nur faden Einheitsbrei, zur Freude der radikalen Kräfte. Mehr Vielfalt wäre angemessen. Zum Schluss bleibt als letzte Lösungsmethode die Selbsteinsicht der Verschwörungstheoretiker. Aber ob die möglich ist? Man mag es bezweifeln.

 

VON MITCH BACON 

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